JA!

Von Nicole di Bernardo

Die Frage nach dem Sinn und den Wünschen für das eigene Leben lässt sich in den meisten Fällen recht einfach zusammenfassen: So gut wie jeder Mensch möchte selbstbestimmt, in Sicherheit und ohne finanzielle Sorgen leben. Wahrscheinlich waren es also genau diese Bedürfnisse, aufgrund deren sich die Bürger des Vereinigten Königreichs zum Ausstieg aus der Europäischen Union entschieden haben. Denn betrachtet man das derzeitige System dieses Verbundes, widerspricht es den natürlichen Ansprüchen der Bevölkerung.

Es hat nichts mit Selbstbestimmung zu tun, wenn in so gut wie jeden Lebensbereich durch Brüsseler Bürokraten eingegriffen wird, die meilenweit von unserer Heimat entfernt und ohne Bezug zur Realität sinnlose Vorschriften erlassen. Kaffeemaschinen, Staubsauger und sogar Glühbirnen fallen heute schon der Verordnungswut zum Opfer! Von einem soliden Sicherheitsgefühl wiederum ist spätestens seit den zahlreichen Terroranschlägen der letzten Monate keine Rede mehr. Denn dank den offenen Grenzen marschieren selbsternannte „Gotteskrieger“ problemlos und ohne jegliche Kontrolle durch ganz Europa, nur um dann wieder zu einem traurigen „Einzelfall“ zu werden. Und auch die finanziellen Vorteile, die oft so propagiert wurden, sind längst ein Mythos: Heute haften die Nettozahler für jene Länder, die sich selbstverschuldet im Laufe der Jahre heruntergewirtschaftet haben, während Millionen an Steuergeldern in undurchsichtigen Kanälen und einer aufgeblasenen Verwaltung verschwinden.

Den Briten wurde prophezeit, dass sie durch ihren Austritt aus der EU mit schweren wirtschaftlichen Folgen zu kämpfen hätten. Wirtschaftsdaten, die über den Erwartungen der Analysten liegen, und eine weiterhin positive Prognose strafen diese Panikmache Lügen. Die Europäische Union dagegen zeigt sich nach wie vor nicht willens zu irgendwelchen Reformen.

In Anbetracht dieser Tatsachen lässt sich die Entscheidung zum Brexit nur allzu gut nachvollziehen.

 

NEIN!

Von Jörg Mayer

Über eine Million Stimmen betrug am denkwürdigen 23. Juni 2016 der Überhang des Brexit-Lagers – ein schwerer Schlag für David Cameron, der erst 2015 mit dem Versprechen des Austrittsreferendums die absolute Parlamentsmehrheit für die Tories gewonnen hatte. Der Sieg war teuer erkauft, der Premier trat zurück und konstatierte: „I was the future once.“

UKIP-Mann Nigel Farage dagegen, der über 20 Jahre lang für den Austritt seiner Heimat aus der EU gekämpft hatte, knipste am Wahlabend besonders gut gelaunt seine typischen Bier-Selfies, indessen die mediale Häme auf ihn niederprasselte. Auch auf Boris Johnson schoss man sich gleich ein, den Ex-Bürgermeister des mittlerweile von einem Moslem regierten London, ebenfalls ein Wortführer der Brexit-Kampagne: Er stehle sich aus der Verantwortung, nachdem er so viel Schaden angerichtet habe, verlautete es. Mehr noch: Geschockt von dem Ergebnis würden die Austrittsbefürworter ihr Votum schon in Scharen bereuen! Doch die medialen Autosuggestionen wirkten nicht: Kurz darauf wurde Boris Johnson von der neuen Premier-Ministerin Theresa May zum Außenminister bestellt, und die Umfragen sehen heute, 10 Monate später, das Brexit-Lager klar vorne.

Den Briten nun aber zu gratulieren, weil sie die EU verlassen haben, wäre trotzdem so, als beglückwünschte man seine Ex-Frau nach der Scheidung, weil es doch das Beste für sie sei, den gemeinsamen Haushalt sausen zu lassen. Auch dieser selbstlose Charakterzug macht die Sache für den Zurückgebliebenen nicht billiger: Für Österreich könnte der Brexit den Nettobeitrag an die EU ab 2019 um eine halbe Milliarde € erhöhen. Mehr noch als das Geld wird aber der nüchterne angelsächsische Geist in der Union fehlen. Während die Briten ihren Arbeitsmarkt schützen, die Steuerlast senken und neue Handelsbeziehungen knüpfen werden, haben hier auf dem Kontinent weiterhin jene Kräfte das Sagen, denen am Rückbau unseres Monstrum Irregulare nicht gelegen ist. Die Reform der EU wird ohne das Stimmgewicht des Vereinigten Königreichs nicht leichter.

Darum: Liebe Inselbewohner – auch wenn es nie die große Liebe war – ihr werdet uns fehlen. Es ist schade, dass ihr gegangen seid.