Feuilleton

Adieu 2016!

Von Markus Löffler

Man sollte einen Jahresrückblick so lange wie nur irgendwie möglich hinauszögern. Manche Zeitungen oder Fernsehsender präsentieren oft schon Mitte Dezember, aber spätestens nach den Weihnachtsfeiertagen, was im auslaufenden Jahr aus ihrer Sicht die Menschen im Positiven wie im Negativen bewegt hat. Verfasst oder abgedreht wurde alles natürlich schon früher. Wenn im Restjahr dann noch etwas Markantes passiert, klafft eine Lücke, die eine brav eingehaltene Deadline zu verantworten hat. Wie zum Beispiel, dass Carrie Fisher Sir Alec Guinness wiedergetroffen hat. Und dass es die letzten Weihnachten eines Georgios Kyriakos Panagiotou waren. 

Überhaupt wurde 2016 viel gestorben. Um Manfred Deix trauerten dutzende Katzen und mit ihnen Österreich, weil es wohl seinen begabtesten entlarvenden Zeichenstift verloren hat. Der Maximo Lider hat heuer statt in eine kubanische Zigarre ins Gras gebissen. Gleich drei FDP-Politiker, ein König, mehrere Sänger von Weltformat und „the boxer formerly known as Cassius Clay“ segneten das Zeitliche. Diese Liste ist weder vollständig noch chronologisch. Wie üblich wurde ihnen allen auf sozialen Netzwerken Referenz erwiesen und ein letzter Salut gepostet.

Angefangen hat das Jahr 2016 gar nicht gut. Nachdem sich der ärgste Silvesterrausch samt Pulverdampf verzogen hatte, wurde sichtbar, dass zwar nicht alle Flüchtlinge über überdurchschnittliche Bildung, dafür über eine ebensolche Libido verfügen. Überall wurden im Rahmen öffentlicher Silvester-Feierlichkeiten Frauen sexuell belästigt und sogar vergewaltigt. Seitdem sind Übergriffe dieser Art an der Tagesordnung. Zahlreiche Terror-Anschläge wurden auf europäischem Boden verübt. Trauriger Höhepunkt war kurz vor Weihnachten Berlin: Ein Attentäter fuhr mit einem LKW in einen belebten Weihnachtsmarkt und tötete so mehrere Menschen. Nachweislich kamen die Täter der Anschläge in Frankreich, Belgien und Deutschland über die Flüchtlingsroute nach Europa. „Wir schaffen das!“ geht anders, aber Angela Merkel wird wohl auch diese Krise einfach aussitzen.

2016 war aber auch ein Wahljahr der Superlative, auf nationaler wie internationaler Ebene: Wurde mit dem Präsidenten der USA das mächtigste Amt der Welt neu besetzt, war die Neubesetzung des eher überschaubar mächtigen Amtes des Bundespräsidenten in Österreich ein Superlativ, was die Länge des Wahlkampfes angeht. Während Donald Trump Amerika wieder groß(artig) machte, machte die Wahl in Österreich die Wörter groß(artig) und „Bundespräsidentenstichwahlwiederholungsverschiebung“ wurde zum Wort des Jahres 2016. Ähnlich sperrig war nur VDB im Trachtenjanker bei seinen Wahlkampfauftritten. So oder so, Alexander Van der Bellen wurde Bundespräsident. Dazu waren nur vier Parteien, der Staatsfunk, drei monotheistische Religionen und die Wahlkarten notwendig. Über diesen Tiefpunkt tröstete einen immerhin hinweg, dass Andreas Gabalier als erster österreichischer Künstler ein MTV unplugged-Konzert einspielen durfte.

In Amerika schaffte es Donald J. Trump, sich gegen das Establishment durchzusetzen, Altherren-Zote schlug Political Correctness und glücklicherweise wurde den USA und der Welt auf diese Weise eine Präsidentin Hillary R. Clinton erspart. Wenn man überhaupt Vergleiche zwischen Österreich und den USA ziehen kann, dann: dass unabhängig vom Ausgang der Wahl die eine Hälfte der Bevölkerung der anderen zunehmend feindlich gesinnt ist und dass die Zeit zeigen wird, ob beide diese Kluft in der Gesellschaft schließen können. Auch die gehässige Anmerkung eines Journalisten, dass Österreich in der Bürokratie die kritische Masse überschritten habe und demokratische Wahlen nicht mehr durchführbar sind, hat sich ja fast bewahrheitet.

 Das Ereignis, das mich 2016 persönlich aber am meisten getroffen hat, mag für viele trivial sein: Es war der Tod von Bud Spencer. Das Schwergewicht war der Held meiner Kindheit, die Filme kann ich mir immer wieder ansehen, auch wenn ich sie fast auswendig mitsprechen kann. Die völlig überzogenen Prügelorgien, die ja sowas wie ein roter Faden im filmischen Lebenswerk von Buddy waren, hatten Unterhaltungswert. In der Plattfuß-Reihe spielte er einen Polizisten in Neapel, der oft auf unkonventionellen Wegen der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft. Natürlich gab es auch Beulen. Aber gerade dieses Bekenntnis zur Gesellschaft, zu ihrer Ordnung und ihrem Schutz, das mit sehr individuellen und drastischen Mitteln durchgesetzt wird, ist nachahmenswert.

Vielleicht wird 2017 nicht so anfangen wie das Vorjahr. Vielleicht wird man auf den Titelseiten lesen, dass couragierte Bürger vor dem Kölner Bahnhof oder anderswo ihre eigene Komfortzone verlassen und dort interveniert haben, wo nahöstliche Triebhaftigkeit gewaltsam ihren Weg zwischen die Beine der feiernden Frauen bahnen wollte. Viele moderne junge Männer tragen einen Vollbart wie Bud Spencer, jetzt müssen sie nur noch so handeln!

Prosit 2017!

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Das Titanic-Syndrom

Von Benjamin Haim

„Heute zaubern wir Ihnen ein Dinner, das sie nie vergessen werden“, betont Gaspare Gatti, der italienischstämmige Chefkoch des Dining-Salons auf der Titanic, am frühen Abend des 15. Aprils 1912 vor seinen Gästen. Er, der als einfacher Junge auf die Welt kam, darf heute die Reichen und Schönen bewirten. Die schiffseigenen Musiker zeigen ihre Künste an Klavier und Violine. Der imposante Speisesaal mit goldener Decke und wunderbarem Ausblick über das eisige Meer des Nordatlantiks zieht die Gäste in ihren Bann. Als Aperitif reicht man ein Gläschen Champagner. Er bildet den Auftakt zu einem wunderschönen Abend, einer ausgelassenen Feier, die einen verheerenden Ausgang finden wird.

Mit Volldampf prescht die Titanic herrlich und unbeirrt durch die kalten Wellen des Atlantiks, irgendwo auf halbem Wege zwischen Southampton und New York. Während die Gäste in der ersten Klasse über die Probleme ihrer Luxuswelt und die Affären mächtiger Politiker und Bankiers sinnieren, sitzt man in der dritten Klasse im stinkigen Rauchsalon zusammen und trinkt letztklassigen Rum. Hier findet man keine Luxuskabinen samt eigenem Butler wie in der ersten Klasse. Genächtigt wird in riesigen und doch inhaltsleeren Schlafsälen. Und derweil viele Passagiere hier unten bereits völlig betrunken in derben Worte über ihre letzten Geliebten berichten, reicht man im pittoresken Speisesaal der Titanic den erlesenen Gästen einen edlen Gang nach dem anderen. Kaviar, Hummer und teures Fleisch aus den unterschiedlichsten Regionen der Erde entzücken die Gaumen der Vornehmen. Die Stimmung lockert sich auf, der französische Chardonnay tut sein Übriges und es bahnt sich ein Abend in Saus und Braus an.

Gaspare Gatti ist heilfroh. Sein Team und er haben der gebildeten und finanzstarken Hautevolee ein Menü gezaubert, das sogar diese Menschen noch zu entzücken vermag. Er bedankt sich in seinem südeuropäischen Akzent für deren Großzügigkeit beim Trinkgeld und wünscht noch einen schönen Abend. Es ist gegen 23:40 Uhr. Gaspare Gatti ist kurz davor, seine Dankensworte zu beenden. Da beginnt plötzlich der Boden zu vibrieren. Stühle kippen um. Sündhaft teure Weinflaschen zerbrechen. Die blumige Tischdekoration zerzaust. Mit der heftigen Vibration einher geht unvermittelt ein lauter Knall. Die glänzenden Kronleuchter des Saales beginnen heftig zu schwanken. Sekunden später herrscht panisches Schweigen. Niemand rührt sich. Die Reichen und Schönen, die Edlen und die Unantastbaren, sie haben Angst.

Alles wird wieder gut…

 „Alles in Ordnung!“, beruhigt Kapitän Edward John Smith durch einen Lautsprecher, „Genießen Sie ihren Abend, es besteht kein Grund zur Beunruhigung. Alle entstandenen Unannehmlichkeiten werden vom Bordpersonal umgehend behoben.“ Die Gäste atmen auf. Der Kapitän aber weiß selber nicht recht, wie er die Gäste gerade so sachlich und ruhig zu beruhigen vermochte. Denn die Titanic hat einen Eisberg gerammt und ist dem Untergang geweiht. Die Situation ist ganz aussichtslos. Durch die Überschreitung der Maximalgeschwindigkeit konnte das Schiff dem riesigen Hindernis, das von einem Ausgucker noch in der Ferne erspäht wurde, nicht mehr rechtzeitig ausweichen. Und während der Kapitän, die Führungsoffiziere und die einfachen Arbeiter in den Maschinenräumen alles unternehmen, um die feststehende Katastrophe noch hinauszuzögern, versuchen die Funker Kontakt mit anderen Schiffen aufzunehmen, von denen Rettung kommen könnte.

Die Passagiere der ersten Klasse haben sich unterdessen längst wieder von ihrem Schock erholt und machen es sich bei einem Abschlussgetränk an der versilberten Bar gemütlich. Sie wissen nicht, dass sie wie alle an Bord dem Untergang geweiht sind. Das wissen nur ihre verabscheuten Reisekameraden in der dritten Klasse. Jene befinden sich bereits in hellem Aufruhr, denn irgendetwas kann mit dem Schiff nicht in Ordnung sein. Sekündlich steigt das Wasser im gemeinschaftlichen Aufenthaltsraum. Ihrem natürlichen Überlebensinstinkt zufolge wollen sie in die oberen Klassen hinauf. Doch die Treppen nach oben sind versperrt. Sie bleiben gefangen in ihrer Welt, die allmählich versinkt. Die Unterschicht, die Bildungsfernen, die Ausgebeuteten, die Unterlegenen, sie sind in diesem Moment den Unantastbaren dennoch in einem Punkte überlegen: Sie wissen bereits, dass das Schiff sinken wird…

Das Titanic-Syndrom

Die Situation auf der Titanic am 12. April 1912 ist ein Abbild unserer Gegenwart. Europa steuert mit rasender Geschwindigkeit auf riesige Eisberge zu. Der große Aufprall wird nicht heute stattfinden und auch nicht morgen, doch in naher Zukunft. Die Entscheidungen, die wir heute treffen, können uns auf den Erfolgsweg zurückbringen und sicher in den angesteuerten Hafen – oder direkt in den Untergang führen. Unsere Kapitäne wissen um die brisante Situation. Doch ähnlich wie Edward John Smith, der Kapitän der Titanic, der seine Musiker aufforderte weiter zu spielen, sorgen auch unsere „Eliten“ für die nötige Ablenkung. Regierungsfreundliche Berichterstattung, feingeschliffene Beschwichtigungsreden, grenzenlose Anreize zum Konsum, Partynächte, Musikfestivals und Sportgroßveranstaltungen, gleichgeschaltete Mainstream-Medien mit gediegenen Berichten über Sarah und Pietro Lombardi, sie alle lenken den Blick der Menschen vom Wesentlichen weg und hin zu Banalitäten. Panem et circenses –oder moderner ausgedrückt: Hauptsache Alessio geht es gut.

Doch ähnlich wie die Passiere auf der Titanic leben auch wir in einer Zwei-Klassen Gesellschaft: Während die eine Hälfte unserer Landsleute in ihren eigenen Untergang hineinfeiert, erkennt die andere Hälfte, wie falsch der eingeschlagene Kurs war. Denn monatlich steigt dieser Hälfte das Wasser schon immer mehr in Richtung Hals. Auch Österreich, einstmals ein Schiff der Seligen, hat heute Eisberg um Eisberg vor sich, die man gekonnt umschiffen müsste: ein sinkendes Bildungsniveau, eine steigende Arbeitslosigkeit, eine aufgeblähte Verwaltung, ein ungezügelter Flüchtlingsandrang und eine immer weiter ansteigende Kriminalität sind nur die deutlichsten Symptome des Versagens unseres etablierten politisch-medialen Komplexes. Steuern wir nicht bald gegen, sind die brennenden Vorstädte in Stockholm, Paris und London nur tragische Vorboten kommender Jahre.

Ursachen, nicht Symptome bekämpfen!

Betrachten wir beispielhaft unser Bildungssystem, so sehen wir die wohlhabenden Kinder bereits in den besten Privatschulen, während der Nachwuchs der sozial Schwächeren die Klassenbank immer öfter in Problemschulen drücken muss. Das Abschneiden bei den PISA-Studien dokumentiert dies alle drei Jahre. Das Ziel müsste aber hier wie dort wieder eine leistungsfreundliche Schule sein, und wer in Österreich eine Pflichtschule absolviert hat, sollte in jedem Falle ausreichend Lesen, Schreiben und Rechnen können. Mangelnde Erziehung und mangelnde Zukunftschancen verdammen die Jugend zur Arbeitslosigkeit, eine Situation, die sich im Zuge der großen Migrationsbewegungen der vergangenen beiden Jahre aus dem Nahen- und Mittleren Osten sowie aus Nordafrika immer weiter zuspitzt. Denn die Migrantenkinder können dem Regelunterricht nur schlecht folgen und bleiben so von Anfang an am unteren Ende der Gesellschaft gefangen. Ihre Perspektivlosigkeit ist der ideale Nährboden für eine weltanschauliche Radikalisierung.

Millionen Menschen sind mit einer völlig falschen Erwartungshaltung nach Europa gekommen, wo sie glaubten, dass Milch und Honig für sie fließen werde – eine Erwartungshaltung, die von europäischen Politikern und selbsternannten Philanthropen genährt wurde. Jetzt sitzen sie mit uns gemeinsam auf der Titanic, die sich immer schwerer über Wasser halten kann und die einen Kurs eingeschlagen hat, der Europa und mit ihm Österreich, wie wir es kennen und schätzen, womöglich in den Tiefen der Geschichte versinken lassen wird. Es bleibt die Hoffnung auf eine schnelle Kurskorrektur bei den kommenden Wahlgängen und auf neue Kapitäne, die bessere Entscheidungen treffen. Denn die Schieflage unserer Gesellschaft lässt sich nur durch eine geänderte politische Landschaft wieder korrigieren.

Die Situation mag uns am Ende des Jahres 2016 zwar ähnlich erscheinen wie auf der Titanic am 12. April 1912, doch sie ist nicht so vollkommen aussichtslos. Konstruktive Parteien, die den wahren Problemen ins Auge blicken und diese auch offen ansprechen, können unsere Gesellschaft retten. Ihr Erfolg wäre für 2017 sehr zu wünschen.

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Ein Sonntag in Grün und Blau

Von Jörg Mayer

Wundersame Dinge tragen sich mitunter in der Alpenrepublik zu – und so auch dieses Mal: Die österreichischen Wähler haben sich gestern entschieden, Alexander Van der Bellen zu ihrem neuen Staatsoberhaupt zu erheben. Der Ex-Uni-Beauftragte der Stadt Wien wird damit nicht nur der erste Grüne an der Spitze eines europäischen Staates sein, sondern auch ein starkes Zeichen zugunsten der Willkommenskultur und ein Gegenpol zur Politik der vorsichtigen Grenzsicherung, die von den Ministern Sobotka, Doskozil und Kurz in jüngster Zeit vorangebracht wurde.

Dieser Linksrutsch in Österreichs politischer Landschaft ist umso bemerkenswerter, als Europa gerade zwei Jahre hinter sich hat, in denen linke Politik größtmöglichen Schaden verursacht hat: Masseneinwanderung und Terrorismus, Wirtschaftsstagnation und Institutionenversagen beherrschen das internationale Bild unseres taumelnden Kontinents. Immer mehr Bürger Europas sehnen sich in logischer Konsequenz nach einem politischen Wechsel, um das auf uns zu rasende Desaster abzuwenden. Österreich hat dazu nun einen unüberhörbaren Kontrapunkt gesetzt und festgestellt, dass es den gegenwärtigen Kurs ins Nirgendwo gerne beibehalten möchte. Freunde macht man sich so keine.

Alexander Van der Bellen wird daher nicht nur ein ohnmächtiger, sondern auch ein isolierter Präsident sein, der bestenfalls noch im notorisch der Irrationalität verfallenen Deutschland auf Gegenliebe hoffen kann. Weder in den USA noch in Russland wird seine Wahl große Begeisterung hervorrufen, geschweige denn Respekt, und viel anders dürfte die Stimmung in Großbritannien, Spanien, Polen oder Ungarn auch nicht sein. In Frankreich und Italien wiederum stehen VDBs ideologische Freunde vor dem politischen Bankrott. Aber auch innenpolitisch ist von VDB vorerst nichts zu erwarten: Er wird den Kurs Heinz Fischers fortsetzen und keinerlei Akzente setzen – nicht zuletzt deshalb, weil er auch keinerlei Akzente setzen will. Die politische Generallinie indes, die seiner Kandidatur zugrunde lag, transportieren die österreichischen Medien ohnehin Tag für Tag. Dafür braucht es die Hofburg nicht.

Dennoch hat die Wahl Alexander Van der Bellens Auswirkungen, die nicht zu unterschätzen sind, auf die österreichische Parteienlandschaft: Die Grünen werden auch dann einen leichten Auftrieb verspüren, wenn das inszenierte In-die-Mitte-Rücken der Partei als größter Wahlkampfschmäh seit den rot-schwarzen EU-Versprechungen in die Geschichte eingegangen sein wird. Denn es waren nicht nur die zahlreich mobilisierten Neu-Wähler aus den türkischen und muslimischen Vereinen, die dieses Mal den Unterschied ausmachten. Auch jene Bevölkerungsschichten, die keinerlei Gefahr laufen mit den Abgründen der Willkommenskultur jemals in Berührung zu kommen, haben in großer Zahl zwar nicht für Grün, aber wohlkonditioniert gegen Blau gestimmt.

Für die FPÖ, deren Kandidat Norbert Hofer bereits seine Wiederkandidatur in 6 Jahren vorangekündigt hat, ist das Ergebnis des Wahlgangs aber weithin unerheblich, obschon sich die Enttäuschung im ersten Moment freilich nicht verbergen ließ. Der Erfolg ist so oder so beeindruckend, zumal Norbert Hofer in einem Rennen gegen das gesamte politische Establishment das einstmalige Spitzenergebnis Willfried Gredlers aus dem Jahre 1980 schlicht verdreifachte. Für die FPÖ bedeutet das auch, von den Bürgern nunmehr als ernstzunehmende Volkspartei anerkannt zu sein, der man auch die höchsten Staatsämter ganz selbstverständlich zugesteht. Gleichzeitig kann unter einem grünen Bundespräsidenten die Drohkulisse der blauen Republik bei der nächsten Nationalratswahl nicht aufgebaut werden. Die sich verschärfenden Probleme Österreichs werden der FPÖ aber weiter Munition verschaffen, denn dass Alexander Van der Bellen über irgendwelche diesbezüglichen Lösungsansätze verfügt, werden ja nicht einmal seine Sympathisanten erwarten.

Gerade noch glimpflich aus dieser Bundespräsidentenwahl kommt jedenfalls die SPÖ. Zwar wurde linksgerichteten sozialdemokratischen Wählern erfolgreich vermittelt, dass sie in Zukunft auch gleich die Grünen wählen können, allerdings überstand schon Michael Häupl die letzte Wien-Wahl nur noch dank jenen Stimmen, die lange schon von der SPÖ zu den Grünen ausgeronnen waren, aber als Leihstimmen für den Bürgermeister und gegen seinen Herausforderer Heinz-Christian Strache noch einmal zurückkehrten. In der Zwischenzeit befindet sich die SPÖ aber längst als Ganzes in einem Reflexionsprozess, wie sie es in Zukunft mit der FPÖ halten wolle, der für sie wesentlich mehr Bedeutung hat als die vergangene Bundespräsidentenwahl – einem Reflexionsprozess, den NEOS etwa bereits hinter sich haben und der zumindest bei dieser Kleinpartei mit der Eingliederung in die Allparteienfront gegen die FPÖ ihr erbärmliches Ende gefunden hat.

Der wahre Verlierer der Bundespräsidentenwahl aber ist so oder so die ÖVP, die in ihrer Mitte geradezu auseinandergebrochen ist. Die Anhänger dieser einstmals staatstragenden bürgerlichen Großpartei konnten sich nun über zwei Stichwahlen hinweg das Wählen eines Grünen- bzw. eines FPÖ-Kandidaten angewöhnen, und nicht vergessen seien auch jene Renegaten, die schon im ersten Wahldurchgang der unabhängigen Kandidatin Irmgard Griss ihre Unterstützung gaben. Dass sich Vizekanzler Mitterlehner pro Alexander Van der Bellen und Klubchef Lopatka pro Norbert Hofer positionierten, ist dabei nur am Rande von Belang. Verheerend ist für die ÖVP aber die nonchalante Preisgabe jeder Solidarität innerhalb des rechten Lagers und das nun offenkundige Faktum, dass diese Partei nicht einmal mehr gegen die Grünen ein Bollwerk darstellt. Für die ÖVP bleibt damit nur die Hoffnung auf eine baldige blau-rote Koalition, die sie in der Opposition aussitzen kann, oder ein gelungener Wolfgang-Schüssel-Gedächtnis-Coup in einer blau-schwarzen Koalition. Mit VDB stehen die Zeichen dagegen auf Alle-gegen-die-FPÖ. Das wird die ÖVP keine weitere Legislaturperiode mehr überleben.

Keine Frage, zu den großen Verlierern dieser Bundespräsidentenwahl gehören auch die Medien, die keine Gelegenheit ausgelassen haben, um der Bevölkerung Angst vor einem Präsidenten Norbert Hofer zu machen. Ihre beispiellose Kampagne zur Entmutigung der Bevölkerung ist zwar geglückt – Alexander Van der Bellen wurde erfolgreich in der Hofburg installiert – aber sie war teuer erkauft. Bezahlt haben die Medien diesen Erfolg mit nichts Geringerem als einem vorweggenommenen Glaubwürdigkeitsverlust, der ansonsten einige weitere Jahre gebraucht hätte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Freiheitliche Arbeitskreis Attersee wünscht dem neugewählten Bundespräsidenten unserer Republik jedenfalls ein gutes Gelingen und eine glückliche Hand bei seiner Amtsführung und gratuliert ihm zu seinem überraschend großen Erfolg. Wir gehen davon aus, dass Alexander Van der Bellen sein Amt so umsichtig und maßvoll ausüben wird, wie er es uns allen vor der Wahl versprochen hat.

P.S.: Die Wahl war rechtmäßig und demokratisch, auch in den Sozialen Medien möge man das anerkennen. Alexander Van der Bellen ist jetzt unser aller Bundespräsident. Get over it!