Feuilleton

Der Wal

Von Norbert Nemeth

Denken wir an Moby-Dick, so bauen sich unweigerlich die Bilder des Hollywood-Klassikers aus dem Jahre 1954 vor unserem geistigen Auge auf: Ismael, der auf der Pequod anheuert, um unter dem Kommando des einbeinigen Kapitän Ahab (dargestellt von Gregory Peck) auf Walfang zu gehen. Doch bald schon muss der einsame Erzähler Ismael erkennen, dass Ahab nur von einem einzigen Ziel besessen ist – nämlich den weißen Wal zu töten. 

Moby-Dick begegnet dem aufmerksamen Zuseher auch in einem ganz anderen filmischen Meisterwerk. Wer genau hinsieht, kann erkennen, dass Herman Melvilles 1851 erschaffener Roman an so mancher Stelle des RAF-Dramas Der Baader Meinhof Komplex auftaucht. Eine Feststellung, die aufs Erste verwundert. Was könnte Melvillles Wal mit dem Terror der 1970er Jahre zu tun haben? Warum war Kapitän Ahab das Vorbild des linken Terroristen Andreas Baader? Warum schmuggelten die Inhaftierten der RAF Waffen und Kassiber am liebsten in Moby-Dick-Ausgaben?

Fragen, deren Beantwortung einen genaueren Blick in Melvilles Meisterwerk erfordert. Der Schlüssel zum Verständnis liegt insbesondere im 9. Kapitel Die Predigt. Hier lässt der Autor Vater Mapple das Gleichnis vom ungehorsamen Jona erzählen, dessen einziges Ziel es ist, vor Gott in ein Land zu fliehen, das nicht Gott, sondern allein die Kapitäne der Erde regieren. Doch Jona soll seine Flucht nicht gelingen. Ein Wal vereitelt seinen Plan von der Errichtung einer gottlosen Gesellschaft: „Und nun sehet, wie Jona hochgehoben und wie ein Anker ins Meer geworfen wird! (…) Der Wal aber lässt all seine Elfenbeinzähne wie weiße Riegel über seinem Kerker zusammenschnappen. (…) Er spürt, dass seine Strafe gerecht ist. (…) Jona ist in Tharsis niemals angekommen.“

Der Wal erweist sich somit als das entscheidende Hindernis zur Realisierung von Jonas gottlosem Plan. Solange der Wal wacht, kann die gottlose Gesellschaft nicht errichtet werden. Und das ist genau der Punkt, an dem Kapitän Ahab die Bühne betritt. Er ist einzig von einem Ziel getrieben: den Wal töten, um den Weg zur Flucht vor Gott zu ermöglichen. Dafür ist er bereit sich selbst zu opfern. Diesem Ziel ordnet er bedingungslos alles andere unter. Als die Pequod im 128. Kapitel dem Walfängerschiff Rachel begegnet und dessen Bitte zur Suche nach Schiffbrüchigen abweist, nimmt Ahab den Bruch mit dem Rest der menschlichen Zivilisation ohne Weiteres in Kauf.

Gewidmet ist Moby-Dick oder Der Wal Nathaniel Hawthorne „zum Zeichen meiner Bewunderung für sein Genie“, wie Melville 1851 schrieb.  Dabei ist der Briefwechsel zwischen den beiden Schriftstellern aufschlussreich, zumal diese Korrespondenz die Intention von Melvilles Parabel unterstreicht: „Soll ich Ihnen eine Flosse des Wals schicken, als Happen zum Vorkosten? Der Schwanz ist noch nicht gar – obwohl das Höllenfeuer, über dem das ganze Buch gegrillt wird, es eigentlich schon längst durchgegart haben müßte. Dies ist das Motto (das geheime) des Buchs – Ego non babtiso te in nomine – aber finden Sie den Rest selbst heraus.“

Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein Blick auf Hawthornes Schaffen, zum Beispiel in den ebenfalls 1851 erschienenen Roman Das Haus mit den sieben Giebeln, ein Werk, das insgeheim um das Verhältnis zwischen Amerika und Europa kreist. Im Nachwort erklärt die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag: „Hinter all diesen Antithesen sei aber nicht nur der Wunsch der Amerikaner zu erkennen, sich von Europa abzulösen und unabhängig zu werden, sondern zugleich eine tiefer wirksame Tendenz, der Wille nämlich, die europäischen Werte und die Macht Europas insgesamt zu untergraben und abzutöten.“

Europas Werte abtöten… den Wal töten… Zwei Giganten der amerikanischen Literatur reichen sich die Hand zum Bunde. Zu einem Bund, von dem tiefgründig nichts Gutes zu erwarten ist. Vor allem nicht, wenn man sich vor Augen hält, dass Thomas Hobbes dem mythischen Symbol des Leviathan in seiner Staatslehre eine über das Jona-Gleichnis hinausgehende Bedeutung zumaß. Hobbes Leviathan erschien übrigens im Jahr 1651, also exakt zweihundert Jahre vor Melvilles Moby-Dick oder Der Wal und Hawthornes Das Haus mit den sieben Giebeln.

In seiner Hobbes-Analyse von 1938 erklärt Carl Schmitt: „In der politischen Lage des 17. Jahrhunderts, d.h. im Kampf der absoluten Staatsgewalt mit dem ständischen Adel und der Kirche, bedeutet der Leviathan ein Bild der höchsten und ungeteilten, stärksten irdischen Macht, für welche das nach der Bibel stärkste Tier ein Bibelzitat – keine Macht auf Erden kann mit ihm verglichen werden (Hiob 41, 24) – liefert.“ Schmitt selbst war es vorbehalten, den Leviathan der Bibel mit dem Symbol des starken Staates zu verbinden: „Wenn der Staat den Ausnahmezustand nicht mehr rechtlich zu verfassen vermag, verbürgt die theologische Reflexion noch die rechtliche Wertung. Jenseits des Staates gibt es ein Gottesrecht.“

Fazit: Der Wal, der die Flucht vor Gott verhindert, ein Symbol des starken Staates, der unsere zivilisatorischen Errungenschaften bewahrt und gleichzeitig unsere größte Errungenschaft IST. Andreas Baader und seinen Konfidenten war das eine wie das andere ein Dorn in Auge, für dessen Vernichtung man das eigenen Leben gab. Im Gegensatz dazu ist der Freiheitliche Mensch aufgerufen, seine schützende Hand über den Wal zu halten.


Parlamentsrat Mag. Norbert Nemeth ist Klubdirektor des Freiheitlichen Parlamentsklubs und Autor zahlreicher historischer Romane.

 

Kommentare

Das richtige und das falsche Gedenken

Von Markus Löffler

Mittlerweile steht im Welser Pollheimer-Park schon die Weihnachtswelt: Punschhütten und andere Stände in weihnachtlicher Aufmachung prägen das Bild vor dem alten Schloss. Bei einem kleinen Durchgang in der alten Mauer, der in die Freiung führt, steht das Jüdische Mahnmal im Gedenken an die Opfer des NS-Regimes. Im Gedenken an die Opfer der sogenannten „Reichskristallnacht“, der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, wird in Wels auch das Andenken aller ermordeten Juden gepflegt.

Heuer wurden gleich zwei Kundgebungen zu unterschiedlichen Terminen dort abgehalten: Am 6. November wurde beim Jüdischen Mahnmal offiziell der Opfer der November-Pogrome gedacht. Dem freiheitlichen Bürgermeister Andreas Rabl gelang es, für die Gedenkveranstaltung der Stadt Wels hochkarätige Redner zu verpflichten. So konnten einerseits der hochrangige israelische Politiker Michael Kleiner, andererseits der legendäre „Nazi-Jäger“ Rafi Eitan gewonnen werden. Letzterer entführte 1960 den NS-Verbrecher Adolf Eichmann aus Argentinien und brachte ihn nach Israel, um ihn vor Gericht zu bringen. Gemeinsam mit einer freiheitlichen Delegation hatten die beiden Gäste vor der Kranzniederlegung beim Jüdischen Mahnmal auch das ehemalige Konzentrationslager Mauthausen besucht.

Die Veranstaltung selbst wurde in einem würdevollen Rahmen abgehalten, Jung und Alt waren vertreten. Unter den Teilnehmern befand sich auch Alt-Bürgermeister Karl Bregartner, sowie auch Bürgermeister Rabls ehemaliger Konkurrent in der Stichwahl um den Bürgermeistersessel, Hermann Wimmer (beide SPÖ).  Rabl hielt die Eingangsrede, in der er sich zur Beibehaltung des Gedenkens an die November-Pogrome bekannte. Weiters sprach er von der Notwendigkeit, als Gesellschaft gegen jede Art des Antisemitismus vorzugehen – egal welcher Prägung.

Michael Kleiner sprach von der ins Mark gehenden Erschütterung, die er jedes Mal spüre, wenn er ehemalige Konzentrationslager besuche. Obwohl er die Maschinerie des Todes und die Schicksale dahinter kenne – auch aus der eigenen Familie – lasse ihn kein Besuch kalt. Der Likud-Politiker betonte auch die Gefahr von neuem Antisemitismus aus den muslimischen Ländern, der heute durch die Flüchtlingsströme nach Europa gelangt. Er hege keine Berührungsängste zur FPÖ. Ihr ehrliches Engagement für Israel und die Juden mache sie zur Verbündeten im Kampf gegen die Judenfeindlichkeit. Der beinahe 90-jährige Eichmann-Jäger Rafi Eitan hielt eine leidenschaftliche Rede gegen das Vergessen und schloss mit den Worten: „Never again!“

Video-Ausschnitt von der Gedenkveranstaltung:

Eigentlich sollte man meinen, dass eine Veranstaltung mit derart prominenter Besetzung gerade den Parteien und NGOs gelegen käme, die sich dem Kampf gegen das Vergessen und gegen den Faschismus mit jeder Körperpore verschrieben haben. Doch die Ränge von SPÖ (mit Ausnahme von Bregartner und Wimmer), Grünen, NEOS, deren Vorfeldorganisationen, von Kirchen und Migrantenvereinen usw. blieben leer.

Viele Jahre lang war die offizielle Gedenkveranstaltung von der roten Stadtspitze an die sogenannte Welser Initiative gegen Faschismus, dahinter steht die Antifa, ausgelagert worden. Sie stellte das Programm zusammen, holte Gastredner nach Wels und gab Flyer und Folder aus, in denen auch die unterstützenden Vereine und Organisationen angeführt werden. Dies wurde über Jahre hinweg so gehandhabt. Nun gab es zwischenzeitlich aber einen Machtwechsel in der Messestadt: Die FPÖ stellt nun den Bürgermeister und die Mehrheit im Gemeinderat. Führende Politiker von Rot und Grün sind aber Mitglieder der Welser Initiative gegen Faschismus und zogen es daher vor, abseits der offiziellen Gedenkveranstaltung der Stadt Wels eine eigene Kundgebung abzuhalten.

Diese fand am 10. November am gleichen Standort im Pollheimer-Park statt. Die Begründung: Man wolle so wenig wie nur möglich mit der FPÖ zu tun haben, denn sie stehe ja in der Tradition des völkischen Antisemitismus und könne mit ihrer braunen Vergangenheit nicht abschließen. Als Gastredner wurde zum wiederholten Male Schauspieler Harald Krassnitzer aufgeboten, dessen linke Gesinnung allgemein bekannt ist. Die Besucher rekrutierten sich, wie gewohnt, aus dem linken Spektrum. Migrantenvereine waren auch vertreten, obwohl bezweifelt werden darf, dass das vorherrschende Weltbild dort so links ist, wie das die Antifa gerne hätte. Speziell im muslimischen Milieu ist eine bedingungslose Pro-Palästina-Einstellung weit verbreitet, oft auch verbunden mit der Bewunderung und Relativierung der Taten eines bekannten Braunauers.

Flugblatt der Antifa für ihre Gegenveranstaltung:

Antifa Flugblatt.png

Die Welser Antifa ist ein Zweckbündnis auf relativ breiter Basis. Für Migranten-Communities ist sie eine Netzwerk-Möglichkeit, um ihre Forderungen einer größeren Gesellschaftsgruppe zugänglich zu machen. Kirchliche Organisationen, katholisch wie evangelisch, versuchen in fortschrittlichen Gewässer zu fischen, um ihre sich leerenden Kirchen wieder zu füllen, und üben dabei christliche Selbstaufgabe. Politische Vorfeldorganisationen sind ganz auf linker Linie: gegen den Zionismus und für den Israel-Boykott. Andere teilnehmende NGOs versuchen ihre durch Steuergelder finanzierten Biotope zu halten und auszubauen. So pragmatisch sehen die wahren Gründe für die antifaschistische Arbeit aus.

Man kann es daher nur als Chuzpe bezeichnen, wenn SPÖ-Stadtrat und Antifa-Mitglied Johann Reindl-Schwaighofer dem Welser Bürgermeister Rabl Heuchelei vorwirft und die zwei prominenten Redner als „israelische Feigenblätter“ abtut, mit denen sich die FPÖ schmücken wolle. Und es zeigt: Der linke Kampf gegen den Faschismus ist ein Deckmantel für die Wahrung von kommunistischen und anti-demokratischen Zielen, die von den führenden Köpfen der Antifa vorgegeben werden. Die Stoßrichtung im „Kampf gegen Rechts“ zielt weniger auf jene ab, die dem Ungeist von 1933-1945 nachtrauern, als vielmehr auf jene, die nicht exakt ihr linkes Weltbild vertreten. Die Antifa will das Monopol auf Gedenkveranstaltungen – und so hart es klingt: Ihr nützen tote Juden dabei mehr als lebendige. Das hat sie mit ihrem Fernbleiben bei der allgemeinen Gedenkkundgebung und mit der Qualität ihrer Mitstreiter bewiesen.

Fazit: Die Antifa marschiert im Freundesland, wenn sie den religiösen Antisemitismus, der durch eine schrankenlose Zuwanderung aus der muslimischen Welt wieder nach Europa überschwappt, hinnimmt und sogar unterstützt.

Kommentare

Ein-Kind-Politik für Europa?

Von Nicole di Bernardo

„Es gibt einen Schalter. Wenn du ihn betätigst, stirbt die Hälfte der Menschheit. Aber wenn du es nicht machst, wird die ganze menschliche Rasse in einhundert Jahren ausgestorben sein.“ So dramatisch beginnt der Trailer zur jüngsten Verfilmung von Dan Browns Roman Inferno, in dem ein brillanter, besessener Biochemiker ein tödliches Virus entwickelt hat, das die Weltbevölkerung dezimieren und damit die Folgen der Überbevölkerung eindämmen soll.

Was im ersten Moment wie reine Fiktion klingt, bekommt angesichts des neuen Berichts des sogenannten Club of Rome einen bitteren Beigeschmack. Dieser Club of Rome definiert sich selbst als Zusammenschluss von Personen aus Politik, Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft, die sich für eine nachhaltige Zukunftsperspektive der Menschheit einsetzen. Mit seiner Publikation Die Grenzen des Wachstums hat er bereits 1972 allgemeine Aufmerksamkeit erlangt. Nach wie vor gehören ihm hochkarätige Personen an.

Nun hat der Club of Rome die brisante Forderung nach einer Ein-Kind-Politik in den Industrieländern erhoben: Frauen, die höchstens ein Kind bekommen, sollen zu ihrem 50. Geburtstag eine Prämie von 80.000 Dollar erhalten. Auf diese Weise soll ein überhöhtes Wachstum der Weltbevölkerung und damit die Hauptursache für die Zerstörung der Umwelt und die Ausbeutung natürlichen Ressourcen reduziert werden.

Als Frau in einem Industrieland kann ich angesichts dieser Forderung freilich nur den Kopf schütteln, stehe ich in Zukunft ja vor ganz anderen, geradezu entgegengesetzten Herausforderungen: Kann und will ich überhaupt noch Kinder in die Welt setzen? In gefährlichen Zeiten, in denen Schlagzeilen von Terror, Mord, Krieg, Massenmigration usw. an der Tagesordnung sind, erfüllt mich die Vorstellung, ein Kind großzuziehen, mit Angst. Wie soll ich wissen, dass ich meinem Nachwuchs in Zukunft überhaupt noch ein sicheres Heim bieten kann?

Auch die Frage nach der finanziellen Absicherung lässt mich manches Mal an dem Wunsch der eigenen Familiengründung zweifeln. Wie lange lässt es mein Beruf überhaupt zu, dass ich in Karenz bleibe? Kann ich es mir leisten, vielleicht auch ein wenig länger zuhause bei meinen Kindern zu bleiben? Fragen, bei denen es nicht darum geht, ob ich mir noch diesen oder jenen Urlaub leisten kann, sondern ob am Ende des Monats das Geld vielleicht schon bei den Grundnahrungsmitteln knapp wird. Wo der Haushalt am Einkommen eines Einzelnen hängt, ist außerhalb der notwendigen Fixkosten das Anlegen von finanziellen Polstern heute jedenfalls nicht mehr möglich.

Zu diesen Bedenken kommt für mich der soziale Druck: In unserer Hochleistungs- und Konsum-Gesellschaft muss der Mensch zeitlich perfekt abgestimmt leben. Ich sollte also nicht zu früh mit der Kinderplanung beginnen, da es ja geboten ist, das eigene Leben zu verwirklichen und in vollen Zügen auszukosten. Zugleich werde ich wohl auch mit einem schiefen Blick bedacht, wenn ich mir wirklich Zeit lasse und die Karriere vor die Familie stelle. Viele Singlefrauen Anfang 30 kennen ja die besorgten Fragen der Verwandten und Bekannten, ob man denn Ende vorhabe alleine und kinderlos zu bleiben. DAS ist die Situation heute in den Industrieländern.

Also ja, wir stehen wirklich vor einer Ein-Kind-Politik. Aber nicht als Instrument der Geburtenkontrolle. Sondern als Herausforderung, überhaupt noch Kinder in die Welt zu setzen.

Buchrezensionen

George Orwell: 1984

Von Jörg Mayer

Wann immer die Rede davon ist, welche Bücher junge Menschen unbedingt gelesen haben sollten, um die Dynamik totalitärer Systeme zu begreifen, stehen Bücher wie 1984, Animal Farm, Brave New World oder Fahrenheit 451 ganz oben auf der Liste. Grund genug, diese Standardwerke der politischen Bewusstseinsbildung immer wieder zu würdigen. Der folgende Beitrag ist George Orwells 1984 gewidmet.

1984 ist in den letzten Jahrzehnten zum Schlagwort schlechthin für den totalitären Staat geworden, jenen Staat also, der als Wiederkehr des altbekannten Absolutismus denkbar verfehlt charakterisiert wäre, der vielmehr eine in die Ewigkeit einzementierte Revolution aller Verhältnisse darstellt. In 1984 unterdrückt der Staat nicht einfach die Meinungen seiner Bürger. Er hat alle konkurrierenden Weltanschauungen vielmehr bereits verfemt und aus dem Bereich des Sagbaren ausgeschlossen. Er definiert den Horizont des Denkens selbst. 1984 ist die Geschichte des ausweglos zum Scheitern verurteilten Widerstands des einzelnen Menschen gegen diesen Staat.

Das Zusammenspiel von Überwachung und Bestrafung als harte, von Neusprech und Doppeldenk als weiche Faktoren der Gesellschaftskontrolle ist in 1984 perfektioniert, es bestimmt die ganze Gefühls- und Gedankenwelt der Bürger, die in einer zeitlosen, ja geschichtslosen Gegenwart ihr Dasein fristen. „Die Historie hat aufgehört zu existieren. Es gibt nur eine endlose Gegenwart, in der die Partei immer recht hat. Natürlich weiß ich, daß die Vergangenheit gefälscht ist, aber das könnte ich nie beweisen, nicht einmal, wenn ich die Fälschung selbst ausgeführt hätte“, lässt George Orwell seinen Protagonisten verzweifelt bemerken. Die Säuberung der Vergangenheit aber bedeutet zugleich das Ende aller Vorbilder und Alternativen gegenüber dem System der Gegenwart.

Eine Ära der Dystopien

1984 ist ein tief aufwühlender Roman, und doch ist sein Plot, den George Orwell, mit bürgerlichem Namen Eric Arthur Blair, 1948 auf den Hebriden verfasst hat, gar nicht so einfallsreich. Aldous Huxley und Jewgenij Samjatin hatten vorher bereits Ähnliches geschrieben, die literarische Qualität der Erzählung selbst ist nicht aufregend, die Charaktere nicht besonders gehaltvoll. Doch gerade diese gewisse Leere in ihnen und die allgemeine Vorhersehbarkeit der Handlung, die das Ende umso unausweichlicher erscheinen lässt – so viel im Leser auch an Hoffnung auf ein besseres Ende aufleuchten mag – ja gerade die kleinen, nebensächlichen Schilderungen, die oft albern, irreal und unstimmig wirken, führen die verrückt gewordene Zukunftswelt des Jahres 1984 vor Augen. Eine Welt, vor der man stottern will, dass sie so doch niemals möglich sei.

Doch möglich ist diese Welt. Und sie kann möglich bleiben, weil es für den Protagonisten unmöglich geworden ist, in ihr mit Gleichgesinnten irgendeine Gegen-Öffentlichkeit zu ihr zu bilden. Denn in 1984 ist alles schon politisch geworden, Privates gibt es nicht mehr. Und selbst des Protagonisten heimliche Geliebte – oh wie sie rebelliert! – ist nur „ein Rebell von der Taille abwärts“, wie der Protagonist einmal bemerkt. Denn wo systematisierte Lügen für fast alle Menschen zur Wahrheit geworden sind, bedeutet das bessere Wissen eines einzigen nichts mehr – ein Wissen, dass er ohnehin niemandem mitteilen kann, das am Ende doch einmal mit ihm sterben muss. In Orwells Dystopie triumphiert daher die Diktatur des Relativismus: Tatsachen sind nur mehr abhängig von der Übereinkunft, sie dafür zu halten, und objektive Wahrheit gibt es nicht mehr. Das ist das Ende aller möglichen Beweisführung.

„Diesen Menschen konnte man die offenkundigsten Verdrehungen der Wirklichkeit zumuten, weil sie nie ganz die Ungeheuerlichkeit dessen erfaßten, was man ihnen da abverlangte.“ Ja, wenn sich der Protagonist an die Zeit vor dem Großen Bruder zu erinnern versuchte, fand er nur mehr blasse Erinnerungen, wie es einmal gewesen war. Die Indoktrination bestand ja weniger darin, seine Meinung zu ändern, sondern ihn langsam vergessen zu machen, dass es überhaupt eine andere Weltsicht gab. Es genügte nicht für den Staat, Menschen geistig unmündig und abhängig von sich zu machen. Sie mussten aufhören zu wissen, dass es überhaupt einen anderen Zustand geben könne.

Es ist die größte aller Selbsttäuschungen, der Orwell seinen Protagonisten ausliefert, als er zum Dissidenten wird: „Sie können dich dazu bringen, alles mögliche zu sagen – alles –, aber sie können dich nicht zwingen, es zu glauben. Dein Innerstes bekommen sie nicht zu fassen.“ Doch natürlich bekommen sie sein Innerstes zu fassen. Sie haben das Denken an sich langsam und doch gründlich verändert, sodass einem zuletzt normal erscheint, was man gestern abstoßend gefunden hätte, und abstoßend, was gestern noch normal galt. Der Protagonist kann sich dem nur zum Teil entziehen, denn er hat keine Gegenmodelle zur Hand, nur das Bewusstsein, wie falsch seine Gegenwart ist. Er weiß nicht einmal recht, in welchem Jahr er eigentlich lebt: 1984? Es spielt keine Rolle, es könnte genauso gut jedes Jahr sein. Auch 2016.

1984 oder eine Schöne neue Welt?

Aldous Huxley hat an George Orwell einen bemerkenswerten Brief geschrieben, in dem er ihm für 1984 dankte, zugleich aber seine eigene Zukunftsvision als wahrscheinlicher behauptete: Nicht Bestrafung und Unterdrückung werde die Menschen den Obrigkeiten gefügig machen, sondern Belohnung und Konsum. Für Orwell war diese Aussicht nicht naheliegend, als er seinen Roman 1948 zu Papier brachte und damit auch ein Schattenbild seiner Gegenwart zeichnete: Kriegsschäden waren gegenwärtig, Kollektivwirtschaft, Güterknappheit und verfeindete Machtblöcke prägten das Bild der Welt. Dennoch beschreibt der geläuterte Kommunist Orwell freilich nicht allein seine, sondern jede Zeit, die einem totalitären Ungeist verfallen ist.

1984 umreißt nicht nur eine Welt der Denkverbote, es erfasst zugleich die Zerrüttung der Beziehung zwischen den zwei Geschlechtern, die bereitwillig angenommene Umkehrung von Wort-Bedeutungen, die Säuberung der Sprache von als unrein gebrandmarkten Begriffen und die Vernichtung der gewachsenen historischen Identität. Hier offenbart sich dann doch ein visionäres Gespür, das beeindrucken darf. Selbst das neuzeitliche Phänomen des „Shitstorms“ hat Orwell ja vorausgesehen: Es ist ja lediglich die Online-Version des 2-Minuten-Hass.

Freilich, die Menschen in Orwells Dystopie hassen aus einem gemeinten Gutsein heraus. Als Gefangene ihres Konformitätsgeistes bleiben sie ahnungslos über die Verhältnisse der Welt, die ihnen richtig erscheint. Sie sind das natürliche Ende ebenjener heutigen Zeitgenossen, die sich ebenfalls nicht mehr darüber zu definieren vermögen, was sie sind und was sie tun, sondern was ihnen je angetan und verweigert wird und wer die dahinter lauernden und ewig unbelehrbaren Bösewichter seien. Nicht ihre eigenen und selbstbestimmten Handlungen, sondern ihr vermeintliches Diskriminiert-Werden ist Urquell ihrer Identität, und ihr Opfer-Sein ist es, aus dem heraus sie zu gerechtfertigten Tätern werden. Eben so ist die Art von Menschen gestaltet, die in Orwells Dystopie die Erde bevölkert. Durch die der Große Bruder überhaupt erst möglich werden kann.

„Im Moment kann man nichts anderes tun, als den Bereich, in dem der gesunde Menschenverstand regiert, Schritt um Schritt auszuweiten“, lässt Orwell an einer Stelle räsonieren. Ist das Perspektive genug? Keine Frage, die Technologien der Zukunft werden es auch in unserer Realität leichtmachen, Menschen und ihre Meinungen immer vollständiger zu überwachen und sie bei Abweichungen von der vorgegebenen Linie mit Repressalien zu belegen. Gleichzeitig eröffnen sich in einer vernetzten Welt neue Wege, Informationen zu teilen und zugänglich zu machen. Selbst wenn man die herrschenden Informationsmonopole also nicht zwingen kann, die Wahrheit zu sagen, so kann man sie immerhin dazu zwingen, immer absurder Unwahrheit zu verbreiten.

In diesem Sinne ist 2084 auch heute noch keine Gewissheit. Und das ist ein sehr tröstender Gedanke.